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Was grünes Gras und gute Texte gemein haben

Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht, sagt ein afrikanisches Sprichtwort. Und das stimmt. Es gilt aber nicht nur für die grüne Wiese, sondern wie ich finde auch für wirklich gute Texte (und viele andere Dinge, aber hier wollen wir uns auf tolle Texte beschränken).

 

Ich weiß, dass das manche nicht gerne hören, dass etwas Zeit braucht, dass man manche Prozesse einfach nicht beschleunigen kann, indem man "an ihnen zieht". Es ist aber trotzdem so.

 

Texten und Schreiben sind ein Prozess, in dem ich viele verschiedene Phasen in meinem Kopf durchlaufe. Manche Ideen, manches Verständnis und manche Erkenntnisse sind noch nicht im ersten Moment da, die kommen einfach erst mit der Zeit, in der ich mich damit beschäftige. In der ich eintauche in ein Thema, es von allen Seiten beleuchte, von bekannten und unbekannten, von außergewöhnlichen, von oben und von unten. In der ich eben neue Perspektiven einnehme und zu neuen Schlüssen und Sichtweisen gelange. Es bilden sich neue Verbindungen in meinem Hirn, Wörter sortieren sich und der Text fängt an sich zu formen.

 

Ist der erste Wurf geschrieben, überarbeitet und feingeschliffen, dann braucht der gute Text einen Moment der Ruhe, ganz für sich allein. Und ich auch. Gerne lasse ich Geschriebenes über das Wochenende liegen und lese es am Montag mit frischem Blick. Oft hat sich durch die Beschäftigung mit anderen Dingen alles gesetzt, manchmal neu sortiert und manchmal kommen mir auch neue Einfälle. Mein Hirn hat im Verborgenen weiter daran gearbeitet und erfreut mich dann mit besseren, umfassenderen Ideen und Lösungswegen. Wirklich gute und lesenswerte Texte zu schreiben, überraschende Headlines zu texten, neue Ansätze zu finden und unter die Oberfläche zu schauen, kostet einfach Zeit.

 

Traut Euch, Euch diese Zeit zu nehmen, Euch nicht hetzen zu lassen. Die Zeit, es liegen zu lassen, etwas anderes zu tun und wieder dran zu gehen. Gerade freie Autor*innen, Freelancer im Text und alle, die ihr Geld mit dem Schreiben verdienen tun sich keinen Gefallen, wenn sie einen "unreifen" Text abgeben, hinter dem sie selbst nicht stehen. Den sie selbst nicht gut finden. Wir sollen schnell sein, wir sollen gut sein und möglichst gestern den perfekten Text abgeliefert haben.

 

Sicherlich ist es nicht sehr populär diesen Standpunkt in Zeiten von AI und einer sich intensivierenden und beschleunigenden digitalen Arbeitswelt zu vertreten. Und klar gibt es auch nicht immer die Zeit, etwas über Nacht liegen zu lassen – aber man sollte es zumindest immer im Hinterkopf haben, wenn man wirklich gut schreiben und nachhaltig kommunizieren will.

 

 

Thank you! Foto von Ochir-Erdene Oyunmedeg auf Unsplash